Das Pflegezentrum Groß Köris
„Guten Morgen. Wie haben Sie geschlafen?“, begrüßt Vanessa Valentin Rosika Austen, die bereits putzmunter in ihrem Bett liegt. Geschlafen hätte sie grundsätzlich gut, doch neuerdings machen ihr Krämpfe im Bein zu schaffen. Vanessa zieht die Jalousien hoch und die Morgensonne offenbart eine wunderschöne Einraumwohnung inklusive Balkon. Der Blick nach draußen wird von etlichen bunten Orchideen gerahmt, die die Wohnküche zieren. Doch mit der Dunkelheit verfliegt auch die Ruhe. Beide Frauen sind wie die Jalousien hochgefahren und haben Betriebstemperatur erreicht.
Sie necken sich, tauschen Nachrichten und Grüße von gemeinsamen Bekannten und Freunden aus, es wird gelacht und gescherzt. Kaum zu glauben, dass zwischen den beiden Frauen fast 60 Jahre Altersunterschied liegen, denke ich mir, während die beiden schnatternd ins Bad weitergezogen sind. Es steht Körperpflege an. Doch auch wenn Frau Austen mittlerweile etwas Hilfe braucht, ist die 87-Jährige fit, sehr fit. Ein kleiner Heimtrainer steht in der Ecke, auf den ich sie anspreche, als sie wieder aus dem Bad kommt. Sie macht gerne Sport, ging früher in Sportkurse. Und als ob das nicht Beweis genug sei, streckt sich Rosika mit ihren Armen nach oben, nimmt Schwung und berührt in der nächsten Sekunde mit ihren Fingern ihre Zehenspitzen. Ich staune. Wann habe ich das letzte Mal im Stand meine Zehen mit den Händen berührt? Oder besser gesagt berühren können, denn die Gegendemonstration offenbart, dass es nur für die Knöchel reicht. Das liegt bestimmt an der schweren Kamera, die über meinem Rücken hängt, meine ich verlegen – wohl wissend, dass ihr Gewicht mich überhaupt erst soweit nach untengezogen hat.
Alles im Fluss

Doch auch für Rosika Austen sind die Grenzen zwischen dem seniorengerechten Wohnen, dem ambulanten Pflegedienst und der Tagespflege fließend. Während Vanessa bereits zur nächsten Nachbarin weitergegangen ist, legt Rosika letzte Hand an ihre Garderobe und Geschmeide an. Das schöne Wetter der vergangenen Tage lockt in der Tagespflege zu einem Ausflug in den chinesischen Garten am Zeuthener See. Was bedeutet es für sie, hier alles beieinander zu haben? „Abwechslung pur. Ich sehe Freunde, alte Bekannte wieder. Das hätte ich Zuhause so nicht mehr gehabt.“ Frau Austen wohnte Zeit ihres Lebens in Märkisch Buchholz und vermisst die kleinste Stadt des Landkreises Dahme-Spreewald, ihr Zuhause und vor allem ihren Garten wirklich sehr. Ein kleiner Trost ist die Lounge für die Mieterinnen der Wohnungen. Wie in einem kleinen Wintergarten mit Ausblick werden die modernen Ohrensessel über und über mit grünem Dickicht gerahmt. Als passionierte Gärtnerin tobt sich Frau Austen nun an diesen Zimmerpflanzen aus. Während in ihrer eigenen Wohnung vor lauter Orchideen kein freier Platz mehr zu finden ist, bietet die Lounge gerne ein Zuhause für eine weitere Monstera oder Grünlilie. Während sich Rosika um ihre grünen Schützlinge kümmert, erwacht die Tagespflege eine Etage tiefer langsam zum Leben.
Klassentreffen der anderen Art
Maria Kiehl bereitet in der Tagespflege das Frühstück vor und deckt die Tische für die Gäste. Frühstückseier werden gekocht, Käse- und Wurstplatten gelegt, Obst und Gemüse geschält und geschnitten. Neben Marmelade, Honig und Wurstsalaten gibt es Tee, Saft, Kaffee. Ein zweiter Kollege bereitet die Brötchen, Brote oder Toasts für die Gäste vor, die sich ihr Essen nicht mehr selber zubereiten können. Mittlerweile kennt er alle Präferenzen. Wer isst gerne zwei Eier, wer mag lieber dunkle Brötchen, wer hat es lieber süß oder herzhaft am Morgen.

Und langsam trudeln die ersten Gäste der Tagespflege ein. Viele werden aus den umliegenden Dörfern wie Tornow, Teupitz, Münchehofe, Töpchin, Schwerin oder Halbe mit dem Fahrdienst gebracht. Andere kommen in Begleitung der Familie, oder können gar zu Fuß von einer Mitarbeiterin des Zentrums abgeholt werden. So auch wie die 95-jährige Ursel Schoof, die direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnt. Die Räume füllen sich mit Lachen, angeregten Gesprächen, hier und da werden Umarmungen ausgetauscht. Alle versammeln sich in einem der Ruheräume in bequemen Sesseln und bekommen dampfenden Kräutertee gereicht. Man wartet noch auf den zweiten Bus mit den anderen Gästen, bis das Frühstück beginnt. Derweil werden Geschichten ausgetauscht über alte gemeinsame Lehrer und Mitschüler, ehemalige Kollegen, die der Mann oder die Cousine von einem anderen Tagesgast waren, welche Baustelle sich wieder verzögert und was der gemeinsame Arzt zu dem einen oder anderen Knie urteilte, und mit welchem Unfug die Kinder damals einen Skandal im Dorf provozierten. Bald möchte man meinen, dass sich gute Freunde Jahrzehnte nicht mehr gesehen hätten und sich nun hier erstmals wieder begegnen. Auch Rosika Austen ist dazu gestoßen. Just als beschlossen wurde, dass das Frühstück nun startet, trudeln die anderen Gäste ein. Etwas enttäuscht, dass sie das Morgentee-Ritual verpasst haben, gesellen sie sich zu den anderen an den Frühstückstisch und versuchen die ebenso verpassten Neuigkeiten aufzuholen. Da aber auch sie selbst wiederum News mitgebracht haben, steigt der Geräuschpegel nochmal deutlich an. Derweil werden Wurst- und Marmeladenbrötchen genüsslich verspeist. Heimlich winkt eine Seniorin einen Pfleger heran. Sie hat morgen Geburtstag und würde gerne für alle Eierlikör in Waffelbechern spendieren. Ob er ihr alles besorgen könne? Das Frühstück neigt sich dem Ende. Während einige Gäste diskutieren, ob sie nachher lieber Rommé oder Doppelkopf spielen wollen, helfen andere mit beim Abräumen und wiederrum andere machen sich bereit für ihren kleinen Tagesausflug.
In der Lounge genießen die Mieterinnen und Mieter der seniorengerechten Wohnungen das schöne Wetter, die Aussicht und die Ruhe.
Im Hintergrund wird in der Küche das Frühstück vorbereitet, während Carola Welz, stellvertretende Leiterin der Tagespflege, die Tische deckt.
In der Tagespflege wird der Pflegeauftrag vollumfänglich erfüllt. Das betrifft ebenso die Gabe von Medikamenten.
Süßes vor Traumkulisse

Endlich sind wir da. Völlig unscheinbar hinter doppelten Mauern vor Blicken geschützt eröffnet sich ein wundervoll angelegter Garten mit Koiteich, der dem Besucher erst nach und nach seine wahre Schönheit offenbart, gekrönt vom unverbauten Panorama des Zeuthener Sees. Überall blüht und summt es. Eine leichte Brise vom See und das leckere Waffeleis machen die sommerlichen Temperaturen bei einem wolkenlosen Himmel zum absoluten Tageshighlight für Rosika und ihre Gesellschaft.
Tagesgast Evelyn Schulz und Betreuerin Karina Hensel auf dem Weg zum Bus.
Bei der 45-minütigen Fahrt über die Dörfer und Landstraße entdecken die Senioren allerlei Neues.
Der wunderschöne Ausblick auf den Zeuthener See wird mit einem Nusseis versüßt.
Wie zu Hause

Bis morgen

